Psychisch krank oder hoch sensitiv?

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In den USA seit mehr als 20 Jahren erforscht, in Deutschland noch relativ unbekannt: Zwischen psychischen Erkrankungen und einer sogenannten "Hochsensitivität" gibt es Zusammenhänge:

"Sensibel" wird bei uns oft mit "schwach" gleichgesetzt

Das Wort "sensibel" wird in Deutschland meist eher geringschätzig verwendet, wie das Wort "Sensibelchen" zeigt. Wer sich hierzulande selbst als hochsensibel bezeichnet, wird schnell beschuldigt, Ausreden zu finden oder sich vor Dingen drücken zu wollen. Psychotherapeuten müssen diese neue Hochsensibilität verstärkt berücksichtigen, denn es betrifft immer mehr und vor allem junge Menschen, die aufgrund ihrer feineren Wahrnehmung ein hohes Risiko haben, psychisch zu erkranken.

 

Woran erkennt man einen Menschen, der hochsensibel ist?

Es gibt eine sehr einfache und fast immer zutreffende Eigenart von Hochsensiblen: Sie verhalten sich in Gruppen komisch. Das liegt daran, dass sie nicht "mitschwingen" können. Ein Beispiel: Wenn eine Gruppe von Menschen laut und heftig lacht und eine Person nicht mitlacht, dann ist diese Person vielleicht hochsensibel. Jetzt fragen Sie vielleicht: "Was hat Mitlachen mit Hochsensitivität zu tun?" Ganz einfach: Hochsensible hören und sehen viel mehr als andere, ohne dass es ihnen bewusst ist und reagieren deshalb auch anders. Gerade in Gruppen kann es für diese Menschen sehr anstrengend werden. Stellen Sie sich vor, Sie säßen in einem Raum mit 5 Bildschirmen, auf jedem Bildschirm läuft ein anderer Film und dazu plappern ganz leise 5 Radios auf unterschiedlichen Sendern. So ungefähr nimmt ein hochsensibler Mensch seine Umwelt wahr. Man kann in so einem Raum überleben, indem man alles ausblendet, aber dann kann man bei einem Witz, der plötzlich auf einem Bildschirm erscheint, nicht mitlachen. (Zur Erläuterung: Ein normal sensitiver Mensch hat immer einen Bildschirm der inneren Wahrnehmung und höchstens einen Radiosender - dies nur als Gleichnis). Zur Optik und Akustik kommen noch Gefühle hinzu, die den Hochsensiblen überschwemmen: Meist sind das Gefühle der anderen Menschen, die er wahrnimmt, sie aber nicht als die Gefühle des anderen erkennt und sich dann plötzlich schlecht fühlt (denn der Hauptteil unserer Gefühle ist leider meist negativer Art). Das sind dann Momente, in denen ein hochsensibler Mensch von anderen mitleidige Blicke erntet, weil er aufgrund seiner inneren Überforderung schon wieder etwas "nicht kann" oder ihm etwas "zu viel" ist.

 

"Sind wir nicht alle sensibel?"

Schon, aber Hochsensibilität ist eine Besonderheit, die aus Sicht der Forscher erst in den letzten 20 Jahren verstärkt in Erscheinung getreten ist. Hochsensible können Gesichter sofort entschlüsseln - das heisst, sie können sofort ganz viele zutreffende Aussagen über einen Menschen machen, wenn sie nur sein Foto sehen. Sie wissen sofort, wie ein Mensch sich fühlt, auch wenn äußerlich an diesem Menschen nichts erkennbar ist.

 

Warum erkranken Hochsensible so oft psychisch?

Weil die vielen Reize, die auf sie einströmen, nicht so verarbeitet werden können, wie die Gesellschaft es von ihnen verlangt. In einer Welt, in der die meisten Menschen nicht so "ticken" wie Hochsensible, ist es schwer, mit einer hohen Sensitivität zurechtzukommen. Oft ziehen sich diese Menschen sehr zurück und bevorzugen die Einsamkeit, um zu einem Mindestmaß an innerem Gleichgewicht zu kommen. Wenn die Überforderung von außen allerdings zu stark wird, kann in hochsensiblen Menschen ein regelrechter "Kurzschluss" entstehen, der sich zum Beispiel in einem Burn-out, einem Nervenzusammenbruch, schweren körperlichen Problemen oder schlimmstenfalls in einem Suizidversuch äußert. Ob Sie zu den hochsensitiven Menschen zählen, können Sie in diesem Kurztest herausfinden:

 

Test zur Ermittlung von Hochsensitivität:

(Dieser Test erhebt nicht den Anspruch, wissenschaftlich zu sein. Er bildet lediglich auf Basis verschiedener, öffentlich zugänglicher Tests eine Art Orientierung. Je mehr Aussagen Sie mit "Ja, trifft zu" beantworten können, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ein hochsensibler Mensch sind)

 

1. Ich hasse laute Geräusche.

2. Ich vertrage kein grelles Licht.

3. Starke Gerüche produzieren bei mir Unwohlsein.

4. Ich gehe ungern zu Ärzten.

5. Ich kann nicht lange stillsitzen, muss mich immer mal wieder bewegen.

6. In Gruppen zu sein ist anstrengend für mich.

7. Ich spüre sofort, wenn ein Mensch etwas sagt, was seinem Gefühl nicht entspricht.

8. Wenn ein Mensch traurig ist, fällt es mir schwer, nicht auch traurig zu sein.

9. Meine Gefühle wechseln schnell und sind intensiv.

10. Ich liebe es, allein zu sein.

11. Ich kann körperliche Schmerzen nicht ignorieren.

12. Ich habe eine reiche Phantasie und kann stundenlang träumen.

13. Meine Familie und meine Freunde finden mein Verhalten oft "seltsam".

14. Wenn ich auf der Strasse sehe, dass jemand Hilfe braucht, biete ich sofort meine Unterstützung an.

15. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis.

16. Ich habe Schwierigkeiten, mehrere Sachen gleichzeitig zu machen.

 

Zu mir: Ich bin Natalie Marby, Therapeutin mit Praxissitz in Hamburg. Einer meiner Schwerpunkte ist die Arbeit mit hoch sensitiven Menschen, die oft an Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, chronischen Schmerzen, starken Selbstzweifeln und Sucht- oder Zwangsstörungen erkranken. Mehr zu meinem Therapieangebot finden Sie hier: Psychotherapie in Hamburg.

 

Zum Weiterlesen: 4 Tipps, um psychisch stark zu sein und zu bleiben.

 

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