Sind Englisch-Hemmungen ein deutsches Phänomen?

Es ist schon erstaunlich, mit welchem Perfektionsanspruch die meisten Deutschen eine Fremdsprache sprechen wollen: Es soll fehlerfrei, flüssig und „gebildet“ klingen – ein fast schon übermenschlicher Anspruch. Wenn man sich anschaut, wie Kinder ihre Muttersprache lernen, sieht man auch einen ...

... Perfektionsanspruch – Kinder nutzen diesen jedoch für sich und nicht gegen sich. Jedes Kind möchte auch „keine Fehler machen“, aber dieser Perfektionsanspruch trägt eine andere Energie in sich, als der Druck, den Erwachsene sich machen. Ich habe mich oft gefragt, ob das ein spezifisch deutsches Problem ist. Ich weiß, dass die meisten Engländer sich nicht so einen „Kopf“ machen, wenn sie versuchen, eine fremde Sprache zu sprechen. Sie bemühen sich ja schon, das ist doch schon etwas, das Respekt verdient – so sehen sie es jedenfalls. Natürlich haben sie es leichter, denn sie können jederzeit in ihre Muttersprache wechseln, die überall auf der Welt verstanden wird. Aber wenn man nach Frankreich, Holland oder Italien schaut, dann sieht man, dass die Menschen dort, wenn sie z.B. Deutsch sprechen, schon stolz auf ein „holperiges“ Deutsch sind, im Vergleich dazu schämen sich die meisten Deutschen für ein holperiges Englisch in Grund und Boden.

Eine Zeitlang dachte ich, es ist ein gesellschaftliches Phänomen: Englisch ist Weltsprache, Business-Sprache und wer was auf sich hält und erfolgreich ist, der spricht eben auch flüssig und fehlerfrei Englisch. So als ob Englischkenntnisse ein Barometer für den gesellschaftlichen Status darstellen. Inzwischen glaube ich, dass Englisch-Hemmungen tiefere, vielleicht sogar transgenerationale Ursachen haben. Das alte deutsche Schuldgefühl und die immer noch vorherrschende mangelnde Identifizierung mit dem eigenen Deutsch-Sein, der mangelnde Nationalstolz und die „leise Scham, ein Deutscher zu sein“ machen es womöglich schwer, eine fremde Sprache entspannt zu sprechen. Manche Deutschen glauben vielleicht, nur dann von ihrem ausländischen Gegenüber akzeptiert zu werden, wenn sie dessen Sprache fehlerfrei sprechen. Man könnte es so übersetzen: Ich werde nur geliebt, wenn ich perfekt bin.

Dieser Gedanke macht mich traurig. Und so verstehe ich meine Arbeit auch als ein Versuch, dieses alte Schuldgefühl überwinden zu helfen. Sprache ist ein Anfang, ein erstes Verbinden mit einem Menschen aus einer anderen Kultur. Jeder Mensch, der sich bemüht, eine fremde Sprache zu sprechen – egal wie gut oder schlecht – verdient Respekt. Er begibt sich auf ein fremdes Feld, in dem überall Fehler lauern, alles kann falsch verstanden werden, man hat keine hundertprozentige Kontrolle über das, was man von sich gibt. Man braucht die Hilfe des anderen – er muss einem entgegenkommen. Und da liegt die Chance: In diesem Entgegenkommen kann sehr viel Schönes passieren. Erinnern Sie sich einmal daran, wie gut es sich anfühlte, als Sie das letzte Mal jemandem helfen konnten. Und derjenige, der sich unperfekt gibt, zeigt sich als offener Mensch, der einen Schritt auf das Neue, Fremde zugeht.

Im Business haben viele Deutsche das Gefühl, dass sie vielleicht verlacht werden, wenn ihr Englisch nicht gut genug ist oder wenn ihnen ein Wort fehlt. Ich habe dafür mehrere Tipps parat, einer davon lautet: Wenden Sie sich an ihren nächstbesten Kollegen und bitten Sie ihn um Hilfe. Schauen Sie mal, ob der Kollege das Wort kennt. Wenn ja – super! Wenn nein – dann sind Sie schon zwei. Ich finde, nur wer die Größe hat, Hilfe anzunehmen, ist teamfähig und verhält sich professionell. Stehen Sie zu ihren vermeintlichen Schwächen (notfalls mit Humor!) und Sie werden Englisch in rasantem Tempo lernen. Und vergessen Sie dabei nie, auch anderen auf ihrem Englisch-Weg zu helfen – so kann dieser furchtbare Druck, unter dem viele Menschen so leiden, Stück für Stück aufgelöst werden.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0