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Grund für Fremdsprachenangst kann unterdrückte Wut sein

Kinder sind oft wütend, Tiere auch. Aber wir lernen früh, dass Wutgefühle inakzeptabel sind. Und dann fangen wir an, unsere eigene Wut ebenfalls abzulehnen. Wie das später in eine Fremdsprachenangst umschlagen kann, lesen Sie hier:

"Aber ich bin doch nicht wütend!"

Diesen Satz höre ich sehr oft in meiner Praxis. Die meisten Menschen empfinden das Wort "Wut" als etwas Negatives. Und sie fühlen sich unwohl, wenn sie darüber nachdenken, dass Wut der Grund für ihre Fremdsprachenangst sein könnte. Um zu verdeutlichen, wie das Gefühl von Wut zu einer Fremdsprachenangst führen kann, gebe ich hier ein Beispiel:

Beispiel für verdrängte Wut:

Wenn ein Kind als Erstgeborenes eine Zeitlang allein mit seinen Eltern verbracht hat und dann ein Geschwisterchen folgt, kann das zu einer (normalen, gesunden) Wut im älteren Kind führen. Denn es fühlt sich "vom Thron gestoßen" und muss die Aufmerksamkeit, auf die jedes Kind angewiesen ist, um zu überleben, nun teilen. Oft zeigen ältere Kinder diese Wut zu Beginn, zum Beispiel, indem sie ihr jüngeres Geschwisterchen absichtlich verletzen. Die Eltern werden dann in den meisten Fällen rigoros einschreiten und dem älteren Kind deutlich machen, dass dieses Verhalten nicht akzeptiert wird. Das ältere Kind hat jedoch noch nicht gelernt, zu teilen, es hat sich jahrelang in Sicherheit gewogen, dass die Aufmerksamkeit einzig und allein ihm gebürt. Was Kinder jedoch am meisten fürchten, ist, die Liebe der Eltern zu verlieren, denn das benötigen Sie am allermeisten, um zu überleben. Die normale, menschliche Wut des Kindes wird dann unterdrückt, das ist ein Abwehrmechanismus der Seele, der Kindern hilft, mit schwierigen Gefühlen umzugehen und ihr Leben zu meistern.

Die Wut ist nicht weg, sie ist nur aus dem Blickfeld verschwunden

Wutgefühle aus der Kindheit verschwinden nicht, sie schlummern in einem weiter. Wenn alles gut geht, bleiben sie ein Leben lang dort verstaut und stören nicht. Kommt dieser Mensch jedoch in Situationen, in denen ihm droht, dass er etwas verliert, dass ihm wichtig ist (Anerkennung, Zugehörigkeit, Liebe), dann kann dieses alte Gefühl von Wut wieder aktiviert werden - und das macht Angst. Denn die Betroffenen können diese Wutgefühle nicht zuordnen. Schließlich handelt es sich um kindliche Gefühle, die in der Erwachsenenwelt noch weniger akzeptiert werden, als es in der Kindheit der Fall war. Das kann zu einer regelrechten Falle werden, wenn man nicht versteht, woher diese Angst kommt und dass die Angst eine verkleidete Wut ist.

Wie führt Wut zu Fremdsprachenangst?

Nehmen wir mal an, ein Mensch muss beruflich eine englische Präsentation halten. Er hat seit der Schulzeit kein Englisch mehr gesprochen und ihm fehlt schlichtweg die Sprechpraxis. Normalerweise würde man sich vorbereiten, indem man einfach ein paar Englischstunden nimmt, mit Kollegen die Präsentation übt oder sich sonst eine Lösung sucht. Fremdsprachenangst äußert sich jedoch mit regelrechten Angstsymptomen: Die Betroffenen spüren nur bei dem Gedanken daran, öffentlich Englisch zu reden, starke Angstgefühle, Herzrasen, Schwitzen, Schwindel und den starken Wunsch, diese Situation zu vermeiden. Die "Gefahr", die droht, ist dass dieser Mensch beim Englisch reden die Anerkennung verliert, der er sich vorher sicher war. Auf Deutsch ist eine Präsentation für diesen Menschen kein Problem und er weiß zum Beispiel, dass sein Chef große Stücke auf ihn hält. Die Gefahr, die Anerkennung des Chefs zu verlieren, ist natürlich nicht real: Die meisten Menschen wissen, dass sie ihren Job nicht verlieren, nur weil sie vielleicht eine englische Präsentation vermasseln. Aber die Situation aktiviert ein tiefes, verdrängtes Gefühl, es holt es quasi aus der Versenkung wieder nach oben, ins Bewusstsein. Und da es sich um Gefühle aus der Kindheit handelt, haben diese Gefühle auch einen sehr kindlichen Ausdruck: Hilflosigkeit, fehlende Sprache, Leere im Kopf, der Wunsch, wegzulaufen - all das sind kindhafte Emotionen, die einem Erwachsenen nicht ähnlich sehen und die die Situation dadurch noch schwieriger machen. 

Wo kommt die Wut ins Spiel?

Die Vorstellung, die Ankerkennung des Chefs oder der Kollegen zu verlieren, macht wütend - es ist einem jedoch  nicht bewusst. Die meisten Menschen würden sagen, dass sie eher traurig wären, wenn sie Anerkennung verlieren würden. "Traurig" ist jedoch ein erwachsenes Wort für das Gefühl, das entsteht, wenn einem etwas weggenommen wird, von dem man geglaubt hat, das es einem sicher gehört. Auch wenn die Wut nicht spürbar ist, sie ist da, wenn man fühlt, dass man etwas verlieren könnte. Und da Wut nicht akzeptiert wird und die Lage sogar verschlimmern könnte, wird die Situation (Englisch sprechen) unter allen Umständen vermieden.

Wie überwindet man Fremdsprachenangst?

Richtige Fremdsprachenangst (der Fachbegriff lautet Fremdsprachen Phobie) lässt sich nur durch eine gezielte Psychotherapie überwinden, denn man muss an die unbewussten Glaubenssätze ran, die man bewusst nicht erreichen kann. Dazu bedarf es der Hilfe eines geschulten Therapeuten, der in der Lage ist, die unbewussten Glaubenssätze zu identifizieren und gemeinsam mit dem Klienten neue, positive Glaubenssätze zu formulieren, die die alten quasi "überschreiben". Fremdsprachenangst kann man mit einem Programmierungsfehler vergleichen: Er lässt sich nicht beseitigen, sondern nur mit einer neuen, zielführenden Programmierung überschreiben. 

Zum Weiterlesen:

Über mich:

Ich bin Natalie Marby, zweisprachig (Englisch/Deutsch) und Therapeutin in Hamburg. Ich habe mich auf die Behandlung von Englisch Phobie spezialisiert und biete diese Arbeit auch telefonisch an. Mehr zu meiner Arbeit lesen Sie hier: Psychotherapie bei Angst vor dem Englisch reden.

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